- Kamera
- Fujifilm X-H2
- Objektiv
- Fujinon XF16-80mm F4 R OIS WR
- Einstellungen
- 23mm · ƒ/4 · 1/500s · ISO 800 · Classic Chrome
Wer mit einer Fujifilm-Kamera fotografiert und die Filmsimulationen ignoriert, verschenkt das Beste an dieser Plattform. Das ist keine Übertreibung — die Filmsimulationen sind der Grund, warum ich vor zwei Jahren von Canon auf Fujifilm gewechselt bin. Nach Monaten mit dem Fujifilm X-H2 und dem X-E5 durch Halle (Saale) kann ich sagen: Nicht jede Simulation funktioniert für jede Stadt. Halle hat eine spezifische visuelle Identität — Gründerzeitfassaden, DDR-Plattenbauten, die Saale, der Peißnitzpark — und die folgenden sechs Kombinationen treffen diesen Charakter besser als alles, was ich in Lightroom je hinbekommen habe.
Warum Filmsimulationen für Stadtfotografie so mächtig sind
Die meisten Kameras liefern ein neutrales RAW, das man in der Nachbearbeitung in jede Richtung entwickeln kann. Fujifilm geht einen anderen Weg: Die JPEG-Engine ist darauf ausgelegt, analoge Filmcharaktere nachzubilden — mit allem, was dazugehört: Farbtöne, Kontraste, Körnung, Farbstich. Das Ergebnis sind Bilder, die direkt aus der Kamera eine Stimmung haben, die kein generischer Kameraprofile-Schieberegler nachahmt.
Ich schieße immer RAW+JPEG. Für die Auswahl nutze ich die JPEGs; wenn ein Bild die Bildbearbeitung in Capture One wert ist, entwickle ich das RAW — aber oft landen die JPEGs direkt im Archiv oder auf Instagram, weil sie das bereits sagen, was das Bild sagen soll.
Die 6 Filmsimulationen, die in Halle funktionieren
1. Classic Chrome — für Gründerzeitarchitektur und Alltagsszenen
Classic Chrome ist meine meistgenutzte Simulation in Halle. Sie desaturiert selektiv — Hauttöne bleiben warm, Himmelblau wird zurückgenommen, und die sandsteingelben Fassaden der Gründerzeit bekommen einen fast photographischen Vintage-Charakter. Am Marktplatz, entlang der Großen Märkerstraße oder im Stadtgottesacker: Classic Chrome macht aus historischen Gebäuden und dem Alltag davor atmosphärische Stadtporträts.
Meine Einstellungen:
- Filmsimulation: Classic Chrome
- Körnung: Schwach, Fein
- Color Chrome Effect: Stark
- Color Chrome Effect Blue: Schwach
- Farbton Schatten: −1
- Farbton Lichter: 0
- Farbe: −1
- Schärfe: −1
- Rauschunterdrückung: −4
- Weißabgleich: Tageslicht, R −2 / B +3
Der leichte Blaustich im Weißabgleich gibt Außenaufnahmen bei bewölktem Himmel — in Halle leider der Regelfall — etwas mehr Kühle, die gut zum moody Charakter der Simulation passt.
2. Eterna Cinema — für das Saale-Ufer zur goldenen Stunde
Eterna Cinema war ursprünglich für Videoaufnahmen entwickelt und hat einen sehr flachen Kontrast. Für Fotoaufnahmen klingt das unattraktiv — aber in der richtigen Situation ist es Magie. Am Saale-Ufer zur goldenen Stunde, wenn das Licht auf dem Wasser glitzert und die Silhouetten der Bürgergärten sich gegen einen warmen Himmel zeichnen: Eterna macht aus harten Kontrasten weiche, filmische Übergänge.
Meine Einstellungen:
- Filmsimulation: Eterna Cinema
- Körnung: Aus
- Color Chrome Effect: Schwach
- Farbton Schatten: +1
- Farbton Lichter: 0
- Farbe: 0
- Schärfe: 0
- Rauschunterdrückung: −4
- Weißabgleich: Bewölkt, R +2 / B −1
Den Weißabgleich schiebe ich leicht Richtung Warmton — Eterna neigt sonst zu sehr kühlen Schatten, die auf Grünflächen wie dem Peißnitzpark unnatürlich wirken.
3. Acros+R — für Straßenfotografie gegen das Licht
Acros ist Fujis dedizierte Schwarz-Weiß-Simulation — und sie ist besser als jede digitale S/W-Konvertierung, die ich kenne. Der +R-Filter erhöht den Kontrast in Blautönen und verdunkelt den Himmel dramatisch. Für Straßenfotografie in Halle, wo ich oft gegenlichtbrünstig gegen die Marktkirche oder entlang von Backsteinfassaden fotografiere, ist Acros+R unschlagbar. Die Hauttöne bleiben warm, der Hintergrund fällt ab, und das Bild bekommt eine Dreidimensionalität, die Classic Black and White nicht erreicht.
Meine Einstellungen:
- Filmsimulation: Acros+R
- Körnung: Stark, Fein
- Farbton Schatten: −2
- Farbton Lichter: +1
- Schärfe: +1
- Rauschunterdrückung: −4
- Weißabgleich: Auto, R 0 / B 0
Bei Straßenszenen lasse ich die Körnung stark und fein — das gibt einen analogen Charakter, ohne digital-rauschig zu wirken. Mit dem X-H2 nutze ich hier den elektronischen Verschluss: lautlos, unsichtbar, der entscheidende Moment ohne Ablenkung.
4. Velvia — für den Peißnitzpark im Herbst und Frühling
Velvia ist die kontroverseste Simulation im Portfolio. Sie sättigt extrem — zu extrem für Menschen, zu extrem für stadtnahe Architektur, meistens zu extrem für alles, was bereits Farbe hat. Aber: Im Peißnitzpark zu Herbstbeginn, wenn die Bäume zwischen Gelb, Orange und Dunkelrot wechseln, oder im Frühling, wenn die Wiesenlandschaft entlang der Saale intensiv grün wird, liefert Velvia Farben, die genau so aussehen, wie das Gehirn den Moment erinnert — nicht wie er war, sondern wie er sich anfühlte.
Meine Einstellungen:
- Filmsimulation: Velvia
- Körnung: Aus
- Color Chrome Effect: Schwach
- Color Chrome Effect Blue: Schwach
- Farbton Schatten: 0
- Farbton Lichter: −1
- Farbe: −1 (Velvia ohne Korrekturen übersättigt zu schnell)
- Schärfe: −1
- Rauschunterdrückung: −4
- Weißabgleich: Tageslicht, R 0 / B +1
Den Highlight-Ton ziehe ich einen Tick zurück — sonst brennen Lichter in orangefarbenem Herbstlaub sehr schnell aus.
5. Classic Neg — für das Universitätsviertel und moderne Alltagsszenen
Classic Neg ist die jüngste meiner Lieblingssimulationen und vielleicht die vielseitigste. Sie orientiert sich an Fujifilm-Negativfilmen aus den 1980er Jahren: wärmere Schatten, kühlere Mitteltöne, zurückgenommene Kontraste. Für das Universitätsviertel rund um den Universitätsplatz und die Bernburger Straße — wo moderne Cafés neben unsanierten Gründerzeithäusern stehen, Studenten auf Lastenrädern vorbeifahren und Straßenkunst an Hauswände gesprüht wurde — gibt Classic Neg den Szenen eine zeitlose Qualität, die weder altmodisch noch klinisch wirkt.
Meine Einstellungen:
- Filmsimulation: Classic Neg
- Körnung: Schwach, Fein
- Color Chrome Effect: Schwach
- Farbton Schatten: +1
- Farbton Lichter: 0
- Farbe: 0
- Schärfe: 0
- Rauschunterdrückung: −4
- Weißabgleich: Auto, R +2 / B 0
Den leichten Rotstich im Weißabgleich gebe ich dazu, um die Hauttöne bei Straßenporträts wärmer zu halten. Classic Neg neigt bei kühlem Tageslicht sonst zu etwas blassen Hauttönen.
6. Nostalgic Neg — für DDR-Architektur und Verfallenes
Nostalgic Neg ist meine Entdeckung des letzten Jahres. Diese Simulation gibt es nur in den neueren Fujifilm-Modellen wie dem X-H2 und X-E5, und sie bildet den Charakter amerikanischer Farbfilme aus den 1970ern nach: hohe Lichter, weiche Schatten, leicht ausgeblasste Midtöne. In Halle habe ich dafür eine spezifische Nische gefunden: verwitterte Plattenbauten in der Silberhöhe, verfallene Industriebauten entlang der Bahn, und die charmant maroden Ecken des Stadtzentrums, die noch auf Sanierung warten. Nostalgic Neg macht aus Verfall etwas Poetisches.
Meine Einstellungen:
- Filmsimulation: Nostalgic Neg
- Körnung: Schwach, Grob
- Color Chrome Effect: Stark
- Color Chrome Effect Blue: Stark
- Farbton Schatten: +2
- Farbton Lichter: −1
- Farbe: −1
- Schärfe: −1
- Rauschunterdrückung: −4
- Weißabgleich: Tageslicht, R +3 / B −2
Die grobe Körnung und der starke Color-Chrome-Effekt sind hier gewollt. Er verleiht großen Farbflächen eine leicht körnige, fast verblasste Qualität, die zu altem Beton oder rostigen Geländern passt.
RAW vs. JPEG: mein Workflow
Ich speichere immer beides. Das RAW ist meine Versicherung — wenn die Belichtung daneben liegt oder ich später eine andere Stimmung will, kann ich in Capture One nacharbeiten. Aber der Anteil der Bilder, bei denen ich das JPEG direkt nutze, liegt bei ungefähr 80 Prozent. Das ist das eigentliche Versprechen von Fujifilm: Du denkst über die Simulation nach, bevor du auslöst — nicht danach.
Diese Disziplin hat meine Fotografie verändert. Wer weiß, dass das JPEG in Classic Chrome rauskommt, macht sich schon beim Suchen im Viewfinder andere Gedanken über Licht und Farbe als jemand, der im grauen Flat-RAW denkt. Das ist der vielleicht unterschätzte Vorteil der Fujifilm-Plattform: Sie zwingt zu kreativem Denken im Moment, nicht am Rechner.
Fazit
Halle (Saale) ist keine Postkartenstadt. Es gibt keine spektakulären Berge oder malerischen Küsten. Was Halle hat: Schichten — architektonisch, historisch, sozial. Die Filmsimulationen, die hier funktionieren, sind keine, die alles schön machen. Sie sind solche, die der Stadt gerecht werden: ehrlich, manchmal rau, mit Charakter. Classic Chrome, Acros+R und Nostalgic Neg machen das am besten.
Falls du selbst mit Fujifilm in Halle fotografierst, schreib mir — ich bin neugierig, welche Simulationen du für diese Stadt findest.